Wenn wir aufhören, uns zu reparieren
- biancastrub
- 22. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Ich war kürzlich mit einem Stand auf einer Gesundheitsmesse und mir ist etwas aufgefallen, das mich noch beschäftigt.
Fast jeder Stand verkauft nicht nur eine Dienstleistung, sondern ein Gefühl. Und dieses Gefühl ist oft subtil, aber eindeutig: Du bist nicht ganz. Du brauchst etwas. Wir haben die Lösung.
Es wird selten so ausgesprochen, aber es schwingt überall mit – in Worten wie mehr Energie, mehr Balance, mehr Heilung, mehr Regulation, mehr „zu dir selbst finden“.
Und ich stand da und habe gemerkt, wie sehr mich das innerlich beschäftigt.
Weil sich mir eine Frage aufdrängt: Wo endet Hilfe – und wo beginnt das Erzeugen von Mangel?
Ich arbeite selbst in diesem Feld. Ich bin Teil dieses Marktes. Ich nutze Methoden, Sprache, Räume, die genau hier verankert sind – im Coaching, in Körperarbeit, in Entwicklung und Veränderung. Und ich stehe dazu.
Und gleichzeitig habe ich einen klaren Anspruch an meine Arbeit: Ich möchte keinen Mangel verstärken.
Ich arbeite nicht mit der Idee, dass jemand „nicht genug“ ist. Und ich brauche auch nicht, dass jemand kaputt ist, um mit ihm zu arbeiten.
Ich habe gesehen, wie viel sich verändern kann, wenn Menschen sich wirklich einlassen. Wenn sie aufhören, sich selbst als Problem zu behandeln und anfangen, sich ehrlich zu spüren.
Und trotzdem bleibt diese Frage: Bin ich die Lösung?

Je länger ich damit arbeite, desto klarer wird mir: Nein. Ich bin nicht die Lösung. Und ich will es auch nicht sein.
Ich bin kein fehlendes Teil, das jemanden vervollständigt. Was ich anbiete, ist etwas anderes.
Ein Raum.
Ein klar gehaltener, ruhiger Rahmen, in dem nichts repariert werden muss. In dem nichts optimiert werden muss. In dem Menschen nicht funktionieren müssen, sondern sich selbst wieder wahrnehmen können – mit allem, was gerade da ist.
Ein Raum, in dem oft genau das passiert:Dass sich Druck löst. Dass Gedanken leiser werden. Dass Körper wieder spürbar werden. Dass Entscheidungen klarer werden, nicht weil etwas hinzugefügt wird, sondern weil etwas weniger laut wird.
Und genau hier wird es heikel.
Denn viele Menschen, die auf solche Angebote treffen, sind nicht in Stabilität. Sie sind müde, überfordert, auf der Suche. Und genau da wird der Markt laut: mehr Tools, mehr Methoden, mehr Optimierung.
Mehr Wege, sich selbst zu verbessern, zu heilen, zu entwickeln.
Bis der Eindruck entsteht, man müsse ständig noch etwas tun, um endlich okay zu sein.
Das ist nicht meine Haltung.
Ich arbeite nicht daran, Menschen zu „reparieren“. Und ich arbeite auch nicht daran, ihnen zu vermitteln, dass sie sich erst verändern müssen, um richtig zu sein.
Das ist der Punkt, an dem sich meine Arbeit abgrenzt – nicht vom Markt an sich, sondern von einer bestimmten Dynamik darin.
Vielleicht wäre eine ehrlichere Form von Arbeit manchmal nicht, noch mehr zu versprechen, sondern weniger. Weniger Richtung „du wirst jemand Neues“, mehr Richtung „du darfst wieder bei dir ankommen“.
Nicht mehr werden. Nicht mehr optimieren. Nicht mehr tun, um okay zu sein.
Sondern wieder in Kontakt kommen mit dem, was schon da ist, auch wenn es überlagert ist von Druck, Erwartungen oder innerer Unruhe.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Punkt: dass Wachstum nicht gemacht wird, sondern geschieht, wenn der Druck rausgeht, ständig besser werden zu müssen.





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