Angst vor der eigenen Stille
- biancastrub
- 30. Sept. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Teil meiner Breathwork-Ausbildung ist es, täglich Stille zu kultivieren – eine Aufgabe, die leichter klingt, als sie ist. Atmen fällt mir leicht, das habe ich schnell gelernt. Aber die Stille davor und danach – davor fürchte ich mich. Ich dachte immer, ich hätte vor nichts Angst. Ich bin frei, jederzeit. Und dann sitze ich da, die Augen geschlossen, und merke: Freiheit? Offenbar nicht, wenn ich vor meiner eigenen Stille davonlaufe. Und was genau soll hier eigentlich passieren?
Kaum wird es ruhig, rast mein Kopf los. Gedanken schiessen wie Funken, To-do-Listen, Erinnerungen, kleine Sorgen, grosse Fragen. Mein Herz klopft schneller, ein Ziehen spannt sich in der Brust, die Beine fühlen sich schwer an, als hätten sie sich in Beton verwandelt. Angst steigt auf, greifbar, warm und schwer, fast so, als würde sie mich nach unten drücken. Ohnmacht, Verletzlichkeit – sie setzen sich wie ein Gewicht auf meinen Körper, machen mich klein und gleichzeitig unruhig. Ich spüre, wie mein Körper schmerzt, müde ist, wie das Gewicht meiner Schultern mich nach unten drückt. Stille ist kein leeres Nichts, sie ist ein Spiegel, der alles sichtbar macht, was ich sonst übertöne: Zweifel, alte Wunden, Sehnsüchte, die ich längst verdrängt glaubte. Und ja, manchmal würde ich am liebsten wieder aufstehen und weglaufen.

Und trotzdem bleibe ich. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Eine oder zwei Minuten reichen. Augen zu, Handy weg, Musik aus. Ich atme und beobachte, was ist. Ohne zu bewerten. Wer bin ich gerade? Wie fühlt sich mein Körper an? Ich spüre die Spannung in der Brust, die Schwere in den Beinen, das Pochen des Herzens. Ich bleibe, während die Gedanken kommen und gehen, während die Angst da ist, während alles laut ist. Ich halte den Raum, auch wenn er unbequem ist. Und wenn ich richtig hinhöre, spüre ich Gefühle, die ganz leise sind. Da ist Verzweiflung, da ist Angst, da ist Zweifel – und da ist auch etwas, das mich sanft hält.
Stille zu kultivieren bedeutet, diese Momente bewusst zu nehmen. Kurz innehalten, in sich hinein hören, ohne zu beurteilen, ohne Ablenkung. Nur wahrnehmen, wie es gerade ist. Mehr nicht. Keine grossen Erwartungen, kein „perfektes Gefühl“. Einfach anwesend sein. Und jedes Mal, wenn ich das übe, spüre ich, dass Stille Potenzial in sich trägt, das über blosse Ruhe hinausgeht. Ich lerne etwas über mich. Sie schenkt Tiefe, Verbindung, Klarheit – einen Raum, in dem Verletzlichkeit, Angst und ich gleichzeitig Platz haben. Ein Raum, in dem ich mich selbst treffe, ehrlich und ungeschönt.

Ich bin noch mittendrin. Ich kämpfe, ich zweifle, ich will manchmal wegrennen. Mein Körper meldet Widerstand, mein Kopf schreit nach Ablenkung. Und ironischerweise ist es genau das, was ich meinen Kund*innen immer predige: Bleib da, spüre, hör hin, selbst wenn es unbequem ist. Vielleicht ist genau das die Freiheit, die ich immer gesucht habe – nicht die Abwesenheit von Geräuschen, sondern die Bereitschaft, allem in mir zu begegnen.
Denn ohne Stille würde ich vieles über mich nie erfahren, niemals spüren, wie tief Verletzlichkeit und Lebendigkeit zusammenkommen können.
Und so wird die Stille, die mir Angst macht, Stück für Stück zu einem Raum, in dem ich einfach bin – mit allem, was ich bin.







Kommentare